Wenn ich jemanden erzähle, dass ich Gestalttherapeutin bin, schaue ich oft in fragende Gesichter. Viele verwechseln dabei Gestalttherapie mit Gestaltungstherapie, die für einen tiefenpsychologischen Ansatz in der Kunsttherapie steht. Auch wenn wir in der Gestalttherapie kreative Methoden nutzen, ist es keine Kunsttherapie. Der Begriff Gestalt bezieht sich eher auf die Gestaltpsychologie und die dort definierten Gestaltgesetze.
Bucay beschreibt die Gestalttherapie als einzigartig zwischen zwei unbeschreiblichen und einzigartigen Personen. In der Gestalt unterscheiden wir dabei weniger in „krank“ oder „gesund“, sondern wir beschäftigen uns mit persönlichem Wachstum von Menschen. Der Begründer, Fritz Perls, beschreibt Gestalttherapie als einen Prozess, der eine Entfaltung des menschlichen Potentials ermöglichen möchte. Er redet dabei von einem Wachstumsprozess, der Zeit benötigt und in den sich der Klient aktiv einbringt, damit er wieder oder ein Stück mehr vollständig werden kann.
Gestalttherapie ist ein therapeutisches Verfahren, das der Humanistischen Psychologie angehört und auf vielen Theorien (Phänomenologie, Gestaltpsychologie, Holismus, Paradoxe Theorie der Veränderung, Existentielle Theorie, Feldtheorie, um nur einige zu nennen) aufbaut. Der Begriff Gestalt steht für das, was in Erscheinung (die sog. Figur, die in den Vordergrund kommt) tritt und noch nicht gelöst, d.h. noch nicht geschlossen, ist. Menschen blockieren sich selbst, wenn sie bei Unerledigtem (z.B. verdrängte oder unverarbeitete Konflikte) stecken bleiben und sich nicht mehr auf das Leben im hier und jetzt kümmern können. Diese Erscheinung ist dabei nur möglich aufgrund eines Hintergrunds (z.B. die eigene Herkunftsfamilie). Sobald die Gestalt wieder geschlossen wird, tritt sie in den Hintergrund, die Blockade löst sich und die Person macht einen Schritt in ihrer persönlichen Entwicklung.
Die Gestaltarbeit erfolgt prozessorientiert im Hier und Jetzt (Konzentration anhand der Exploration: Was ist jetzt wichtig?) und dies nach dem dialogischen Prinzip von Martin Buber („Das ICH wächst am DU“). Der Therapeut bringt sich in der Arbeit mit seiner persönlichen Resonanz und Intuition auf Augenhöhe ein und geht davon aus, dass die Konflikte, die der Klient in der Welt hat, auch in der Beziehung zwischen Klient und Therapeut in Erscheinung treten. Es geht um die gemeinsame Beziehungsgestaltung (Kontakt zwischen Therapeut und Klient) in der gemeinsamen Situation der beiden Personen, die einzigartig ist (Anmerkung: Situation ist ein Begriff der Neuen Phänomenologie und somit weiterentwickelten Gestalttherapie, die ich von unserem ehemaligen Institutsleiter und meinem Supervisor Friedhelm Matthies kennen gelernt habe). Ziel ist das Wachstum des Klienten zu mehr Selbstbestimmtheit (von der Enge in die Weite) und Selbstverantwortung.
Das Handeln in der Therapie folgt den drei großen „E´s“: Experimentell (Neues ausprobieren), Essenziell (es geht um wesentliche Themen und nicht um einen belanglosen Plausch über das Wetter) und Erfahrungsorientiert (durch die genannten Experimente im therapeutischen Kontakt neue Erfahrungen sammeln, die den Klienten bestärken und Wege öffnen).
Zusammengefasst:
Gestalttherapie ist ein humanistisches Psychotherapieverfahren, abgeleitet aus der Psychoanalyse, das prozessorientiert im Hier und Jetzt arbeitet. Es geht um ein individuelles Wachstum des Klienten, das in der Situation von Therapeut und Klient Bestärkung und Entfaltungsspielraum gewinnt z.B. durch Experimente und neue Erfahrungen. Die wert- und vorurteilsfreie Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Klienten spielt dabei eine tragende Rolle.
Oder ich leihe mir Goethes Worte: Werde, der du bist.
Wer mee(h)r wissen möchte, dem empfehle ich folgende leicht zu lesende Bücher:
„Was ist eigentlich Gestalttherapie? – Eine Einführung für Neugierige“ von Frank-M. Staemmler (2009)
"Das Gras unter meinen Füßen: Eine ungewöhnliche Einführung in die Gestalttherapie." von Bruno-Paul de Roeck (1985)
"Komm, ich erzähl dir eine Geschichte" von Jorge Bucay (2008)
Auch sehr interessant für Menschen, die sich im Bereich der Klinischen Psychologie mit Gestalttherapie auseinandersetzen möchten, ist:
„Gestalttherapie in der klinischen Praxis.“ von Francesetti, Gianni, Gecele, Michela und Roubal, Jan (Hg.) (2016)
Viele weitere Informationen, Veranstaltungen, Kontakte zu Gestalttherapeuten findet man auf der offiziellen Webseite der Deutsche Vereinigung für Gestalttherapie e. V. unter https://www.dvg-gestalt.de/.
Auf der kommenden Jahrestagung Gestalttherapie in Freiburg, findet am Donnerstag, 29.05.2025, vor der Tagung ein kostenloses Forum für junge Gestalttherapeuten und Interessierte an der Gestalttherapie statt. Schaut doch mal rein unter: https://dvg-tagung-freiburg2025.de/forum/
An den beiden Haupt-Veranstaltungstagen (Freitag, 30.05.2025 und Samstag, 31.05.2025) lade ich mittags zu einer gemeinsamen Lachpause „Lachen und Entspannen“ ein.
Sehen wir uns in Freiburg?